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Von der Haustür bis ins Wartezimmer

Hannover, 14. Februar 2020 (äkn) - Das Sozio-Med-Mobil des Deutschen Roten Kreuzes Wolfenbüttel geht in der Samtgemeinde Elm-Asse in den Regelbetrieb über / Im Landkreis Stade soll ab April in zwei Gemeinden ein Fahrdienst nach gleichem Modell starten

Helga Stiegler gehört zu den Fahrgästen, die Tom Deupert (l.) und Rainer Ruth regelmäßig mit dem Sozio-Mobil abholen"Das hat hier auf dem Land gefehlt", sagt Helga Stiegler über das Sozio-Med-Mobil. Seit bald einem Jahr nutzt die 86-Jährige den entgeltfreien Fahrdienst für Fahrten zu Gesundheits- sowie Sozialdienstleistern. Der Kreisverband Wolfenbüttel e.V. des Deutschen Roten Kreuzes hatte das Angebot in der rund 18.000 Einwohner zählenden Samtgemeinde Elm-Asse am 1. Juli 2017 gestartet. Doch vor dem ersten Trip musste die frühere Bürgermeisterin der Gemeinde Wittmar eine Hemmschwelle überwinden: "Als es hieß, die Fahrten müssen über das Internet gebucht werden, bin ich erst gar nicht zu der Info-Veranstaltung hingegangen", erinnert sich Stiegler. Doch dann habe sie erfahren, dass es ehrenamtliche Unterstützer – sogenannte Kümmerer – gebe, die Nutzern die Organisation der Termine abnähmen. Seitdem lässt sich die allein lebende Seniorin regelmäßig von einem der beiden DRK-Sozio-Med-Mobile von zuhause an der Haustür abholen und zur Physiotherapie bringen. Denn den abschüssigen Weg zur öffentlichen Busstation an der Straße unten im Tal und zurück kann Stiegler mit ihrem Rollator nicht mehr bewältigen.

Um die medizinische Versorgung in der ländlichen Region der Samtgemeinde Elm-Asse mit ihren zwölf Mitgliedsgemeinden und 33 Ortsteilen auf einer Fläche von gut 200 Quadratkilometern langfristig zu verbessern, überführt der DRK-Kreisverband Wolfenbüttel sein Sozio-Med-Mobil-Projekt nach drei Probejahren in diesem Sommer in den Regelbetrieb. "Es ist uns gelungen, die Kosten bei einer vollen Auslastung der beiden Fahrzeuge mit insgesamt zwölf Fahrgästen mit rund zwanzig Euro je Person und pro Einsatz relativ niedrig zu halten", berichtet Projektleiterin Katharina Hefenbrock.

Eine wichtige Voraussetzung dafür seien eher geringe Personalkosten, die durch die Mitarbeit der ehrenamtlichen Helfer ermöglicht worden seien: "Es war klar, dass wir keine Telefonzentrale einrichten können und für die komplexe Terminplanung eine gut funktionierende Software benötigen", sagt die Koordinatorin. Sechs Personen aus unterschiedlichen Orten in einem Bus zu sechs verschiedenen Zielen zu bringen, sei eine große Herausforderung an die Routenplanung. Mittlerweile ist das Konzept des unbegrenzt skalierbaren, digitalisierten und routenoptimierten Fahrdienstes laut Hefenbrock ausgereift und könnte von anderen unterversorgten ländlichen Regionen übernommen werden: "Bisher ist das Sozio-Med-Mobil in Deutschland einzigartig", sagt die Sozialpädagogin, die das Netzwerk auf den Dörfern der Region mit viel Einsatz aufgebaut hat, indem sie Bürgermeister, Seniorentreffen oder auch kirchliche Angebote besuchte und dort wie auch auf speziellen Informationsveranstaltungen das Sozio-Med-Mobil vorstellte.

Trotzdem würde die Zielgruppe – die meisten Nutzer seien altersmäßig jenseits der 80 – vielfach erst einmal abwarten, ob der Ehemann oder die Nachbarin wirklich zuverlässig abgeholt und wieder nach Hause gebracht würden, haben Hefenbrock und ihre Kollegin Jasmin Hanus beobachtet. Auch Helga Stiegler ließ zunächst ihren inzwischen verstorbenen Mann den Fahrdienst nutzen, bevor sie selbst mitfuhr. Dass mit Rainer Ruth ein ehemaliger Mitarbeiter der Gemeinde Wittmar und sehr guter Bekannter von Stiegler in ihrem Ort als Kümmerer das Buchen der Termine übernimmt, erleichterte der früheren Bürgermeisterin die Entscheidung noch zusätzlich. Ruth betreut inzwischen allerdings nicht nur ehrenamtlich 15 sogenannte Nutzer des Fahrdienstes, sondern gehört seit anderthalb Jahren auch zu dem Team der ehrenamtlichen Busfahrer: Je nach Bedarf fährt der 74-Jährige auch an allen drei Vormittagen, an denen der Fahrdienst angeboten wird, gemeinsam mit einem Beifahrer die jedes Mal individuell zusammengestellte Tour.

An diesem Vormittag hat ihn Tom Deupert, der an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften auf dem Campus in Wolfenbüttel "Soziale Arbeit" studiert, auf der dieses Mal rund 170 Kilometer langen Strecke begleitet. Der 19-jährige Student lebt noch ohne großen finanziellen Druck mit den Eltern gemeinsam in einem Haushalt und genießt es, in seiner Freizeit entsprechend seinem zukünftigen Beruf etwas "Soziales" zu tun: "Ich finde es toll, mit den Fahrgästen ins Gespräch zu kommen." Auch Ruth kennt eine Reihe der mittlerweile 210 Nutzerinnen und Nutzer des Fahrdienstes recht gut und versucht, ihnen bisweilen über die Nervosität vor dem Arztbesuch hinwegzuhelfen. "Für manche ist es wichtig, sich das Herz zu erleichtern", hat Ruth beobachtet, "denn viele unserer Fahrgäste leben allein."
Um gleichermaßen den Kontakt zwischen den Nutzerinnen und Nutzern zu erleichtern, seien die Sitze hinten im Fahrgastraum der beiden von der Glücksspirale und der Stiftung Zukunftsfonds Asse geförderten Busse nicht hintereinander in Fahrtrichtung montiert,berichtet Hanus: "Dadurch sitzen sich die Fahrgäste im Sozio-Med-Mobil gegenüber und können sich besser unterhalten." Auf diese Weise hätten sich bereits Mitfahrer kennengelernt, die am entgegengesetzten Ende des gleichen Dorfes wohnten, ohne Kontakt zueinander zu haben. Auf einer Fahrt im Sommer hätten sich zwei Frauen so angeregt über die Blumen in ihren Gärten unterhalten, dass die eine kurzerhand bei der anderen mit ausgestiegen sei, erzählt Ruth.

Fahrdienst für bedürftige Menschen aus Orten, in denen kein Bus mehr fährt

Der soziale Nutzen des Fahrdiensts stellt für Hefenbrock durchaus einen zusätzlichen Bonus dar. In erster Linie aber ermögliche das Angebot "bedürftigen Menschen", die zum Beispiel in Ortschaften lebten, in denen gar kein öffentlicher Bus mehr fahre, und die nicht selbst mobil seien, ihre geplanten Termine beim Hausarzt, Facharzt oder auch in der Physiotherapiepraxis wahrzunehmen. Die Hoffnung sei, die Routinetermine der Zielgruppe abzudecken und damit präventiv tätig zu werden, sagt Hefenbrock: "Durch die frühzeitigen regelmäßigen Arztbesuche kommt es vielleicht seltener zu Notfällen und dadurch wird am Ende auch der Rettungsdienst entlastet."
Anfang Januar 2020 fällt die Bilanz des Projekts bereits beachtlich aus. Rund 2000 Fahrten haben die 75 Kümmerer für die 210 Nutzerinnen und Nutzer bereits organisiert. Unter den Helfern, die für die Fahrgäste die Fahrten buchen, sind auch sogenannte öffentliche Kümmerer wie Ortsbürgermeister, der Inte-grationsbeauftragte der Samtgemeinde Elm-Asse Lars Dunkhorst oder die Sozialberaterin Martina Grosche. Trotzdem scheint für viele der Hausärzte die Rechnung bisher nicht ganz aufgegangen zu sein, räumen Hefenbrock und Hanus ein.

Kathrin und Dr. med. Hinrik Thiemann aus SchöppenstedtDie Allgemeinmediziner Dr. med. Hinrik Thiemann und Kathrin Thiemann haben zum Beispiel mit ihrer Gemeinschaftspraxis in Schöppenstedt als Pilotpartner am Sozio-Med-Mobil-Projekt teilgenommen. "Wir haben Flyer ausgelegt, Plakate aufgehängt und Patientinnen und Patienten informiert", berichtet Hinrik Thiemann. Aber ihre Praxis – eine von drei Hausarztpraxen in Schöppenstedt – habe von dem Fahrdienst bislang kaum profitiert. "Ich hatte die Hoffnung, weniger Hausbesuche machen zu müssen, angesichts der rund 100 Patienten, die ohnehin jeden Tag in unsere Praxis kommen", berichtet der Arzt. Aber außer einem Ultraschall oder einem EKG gebe es bei den Allgemeinmedizinern kaum Untersuchungen, die zwingend in der Praxis gemacht  werden müssten: "Blut abnehmen kann ich auch während  eines Hausbesuchs."

Trotzdem steht Hinrik Thiemann zu hundert Prozent hinter dem Fahrdienst-Projekt: "Da sehe ich keine Alternative", sagt der Arzt, denn in Schöppenstedt gebe es keinen Facharzt mehr. "Um zum Augenarzt oder zum Orthopäden nach Wolfenbüttel oder Braunschweig zu kommen, wird das Sozio-Med-Mobil gebraucht."

Diese Beobachtung teilen Hefenbrock und Hanus vom Deutschen Roten Kreuz Wolfenbüttel: "Eine der von uns am meisten angefahrenen Facharztpraxen ist die orthopädische Gemeinschaftspraxis von Heike Beck und Dr. med. Oliver Steinmeier in der Innenstadt von Wolfenbüttel", sagt Hanus. Und das beinahe unbemerkt von den beiden Ärzten, wie sich herausstellt. Zwar tragen die Fahrer und Beifahrer inzwischen DRK-Jacken, um sich von anderen Praxisbesuchern sowie Patienten und deren Angehörigen zu unterscheiden. Doch wenn das DRK-Team seine Fahrgäste in die Praxis begleitet – weil es die Dauer des Arztbesuchs und den Abholtermin für die Patientin oder den Patienten abklären will – beschränkt sich sein Kontakt in der Regel auf das Praxispersonal.

Fahrer Tom Deupert bringt Christina Müller bis in die Praxis der Wolfenbütteler Orthopädiepraxis von Ärztin Heike Beck (l.).

Vom Sozio-Med-Mobil hat Beck denn auch eher zufällig durch eine begeisterte 96-jährige Patientin aus dem zwanzig Kilometer entfernten Kneitlingen erfahren. "Das ist eine tolle Sache und erhält obendrein die Selbstständigkeit", sind sich die Wolfenbütteler Orthopädin und ihr Praxispartner Steinmeier einig. Zumal kaum ein Patient einen Anspruch auf den Transportschein der Krankenkassen habe – dazu benötige man inzwischen Pflegegrad 3. "Und wer hat schon die 70 Euro übrig, die so eine Fahrt mit dem Taxi vom Dorf schnell kostet", fragt Beck. Darüber hinaus seien die Termine in ihrer Praxis in der Regel geplante Termine, die sich gut für das Fahrtenbuchungssystem des Sozio-Med-Mobils eigneten. "Wir würden uns wünschen, dass das Angebot auf Seiten der Ärztinnen und Ärzte noch bekannter wird und von den Patientinnen und Patienten noch besser genutzt wird."


Ein Sozio-Med-Mobil für den Landkreis Stade

Vom 1. April 2020 an soll das Sozio-Med-Mobil mit dem gleichen Konzept auch die Samtgemeinde Nordkehdingen und die Gemeinde Drochtersen im Landkreis Stade anfahren. Als Ziele des Fahrdienstes sind schwerpunktmäßig die Ärztinnen und Ärzte in den Städten Stade und Hemmoor vorgesehen.

Auch das System mit ehrenamtlichen Fahrern für das Fahrzeug sowie Kümmerern, die für die Fahrgäste die Fahrtbuchungen übernehmen, wird vom Kreisverband Stade des Deutschen Roten Kreuzes übernommen. Das Sozio-Med-Mobil-Projekt wird betreut von Detlef Stülten.

Unter der Telefonnummer 04141/8033-306 oder der Mail-Adresse d.stuelten@kv-stade.drk.de erreichen ihn Ärztinnen und Ärzte, die sich als Partner des Projekts eintragen lassen wollen.


Weitere Informationen: http://www.sozio-med-mobil.de

Inge Wünnenberg

Fotos: Katharina Hefenbrock

Dokument erstellt am 25. April 2016, zuletzt aktualisiert am 9. April 2020