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Hospital Health Needs Assessment in Simbabwe - Versuch einer wissenschaftlichen Bedarfsanalyse in einem "gescheiterten Staat"

Hannover, 21. Dezember 2017 (Forkel) - Besonders in Krisensituationen werden medizinische Helfer von vielen nicht gedeckten Anforderungen und Notwendigkeiten in Bereichen der medizinischen Versorgung überfordert. In solchen Situationen kommt es darauf an, effizient zu helfen. Hierzu ist eine Bedarfsanalyse erforderlich. In dem nachfolgenden Beitrag wird eine solche Analyse für das St. Anne’s Hospital in Brunapeg/Simbabwe vorgestellt.

Besonders in Krisensituationen, aber auch in den normalen Settings der Entwicklungshilfe werden medizinische Helfer häufig von den vielen offensichtlich nicht gedeckten Anforderungen und Notwendigkeiten in allen Bereichen der medizinischen Versorgung überfordert.

Insbesondere bei begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen kommt es in solchen Situationen nicht so sehr darauf an, möglichst schnell und effektiv, sondern aus Public Health-Überlegungen effizient zu helfen und für die leidende Bevölkerung den größten Nutzen zu erzielen. Hierzu ist eine Bedarfsanalyse erforderlich, die nicht nur auf die rein medizinischen Notwendigkeiten eingeht, sondern auch die gefühlten, gesundheitlichen Bedürfnisse der zu versorgenden Bevölkerung berücksichtigt.

In den Jahren 2008/09 war es aufgrund der Wirtschaftskrise in Simbabwe zu der weltweit höchsten Inflation gekommen. Ende 2008/Anfang 2009 verdoppelten sich die Preise im Land innerhalb von 24,7 Stunden, beziehungsweise der Wert des simbabwischen Dollars halbierte sich innerhalb eines Tags.[1] Diese tägliche Inflationsrate von fast 100 Prozent führte zum Zusammenbruch aller staatlichen Einrichtungen und das Land wurde zu diesem Zeitpunkt unregierbar. Simbabwe konnte daher zum Jahreswechsel 2008/09 definitionsgemäß als "failed state" oder "gescheiterter Staat" bezeichnet werden.[2] In dieser Situation verließ zirka 80 Prozent des seit 1980 ausgebildeten, medizinischen Personals das Land,[3] und Anfang 2009 war das komplette staatliche Gesundheitssystem zusammengebrochen.[4] Allein den kirchlichen Krankenhäusern des Lands gelang es in dieser Phase, durch verschiedene Maßnahmen, wie zum Beispiel Verteilung von Nahrungsmitteln und Gehaltszahlungen in harter Währung, ihr Personal zu halten und mit Einschränkungen funktionsfähig zu bleiben.

Um diese deutlichen funktionellen Einschränkungen ihrer Hospitäler zu beheben, bereitete die Gesundheitskommission der simbabwischen katholischen Bischofskonferenz (ZCBC-HC) mithilfe des Misereor Southern Africa Consultancy Service (MSACS) in Harare einen Projektantrag an das deutsche Hilfswerk Misereor vor. Im Rahmen dieser Vorbereitung wurde als Pilotprojekt ein wissenschaftliches Hospital Health Needs Assessment am St. Anne’s Hospital im Süd-Osten des Landes durch einen Consultant durchgeführt.[5]

Dieses Needs Assessment wurde als Multi-Site-Case-Study entsprechend den Vorgaben von Cresswell[6] als qualitative Studie durchgeführt. Als Interview-Informationsquellen wurden hierzu folgende Personen und Institutionen identifiziert: die Chefärztin des Hospitals, zufällig ausgewählte(s) Personal und Patienten der verschiedenen Hospital-Abteilungen und der umliegenden Gesundheitszentren (PHCC), zufällig ausgewählte Haushalte um das Hospital und diese Zentren, der traditionelle Chief der Brunapeg-Region, Lokalpolitiker, der District Medical Officer, die medizinischen Berater der Diözesen, der medizinische Direktor der ZCBC-HC sowie der Repräsentant von Misereor in Harare. Diese Auswahl der verschiedenen Informationsquellen konnte als "purposefull maximal sampling" nach Creswell bezeichnet werden.

Für die Interviews in dieser "Linking Relief, Rehabilitation and Development" Phase (LRRD-phase[7]) von Simbabwe wurden spezielle, semi-strukturierte Fragbögen entwickelt und benutzt. Die Interviews wurden transkribiert und zu Themen zusammengefasst. Die Ergebnisse wurden nicht nur durch Triangulation und Datenvergleiche, sondern auch durch persistierende Beobachtung und tätige Mitarbeit im Hospital und den Gesundheitszentren validiert.

Das erstaunliche Ergebnis dieser ersten Pilotstudie war, dass vornehmlich nicht medizinische Bedürfnisse, sondern vor allem Nahrungsmittelhilfe, Gesundheitspersonal, Personal-Unterbringungsmöglichkeiten, Medikamentenversorgung, Krankentransport, Elektrizität und Reduktion der Hospitalgebühren als echte und wichtigste Gesundheitsbedürfnisse übereinstimmend von Hospital-Mitarbeitern und der Bevölkerung genannt wurden.

Im weiteren Verlauf wurde der Projektantrag zur Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit von den wichtigsten 30 kirchlichen Krankenhäusern auf dem Lande und von zehn angeschlossenen Schwesternschulen bei Misereor gestellt und nach Refinanzierung aus den Mitteln des BMZ wurden über Misereor zirka 2,5 Millionen Euro für die Funktionsverbesserung der 30 Hospitäler und zehn Schwesternschulen genehmigt. Somit standen pro Hospital nur zirka 65.000 Euro und pro Schule circa 15.000 Euro zur Verfügung.

Um diese scheinbar sehr knappen Mittel möglichst sinnvoll zu verwenden und einer möglichst großen Bevölkerungsgruppe eine bessere Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, wurden auch für dieses "Großprojekt" entsprechende "Hospital Health-Needs-Assessments" an allen beteiligten Krankenhäusern von dem externen Consultant durchgeführt.[8, 9] Allerdings mussten diese aufgrund von Dringlichkeit und Zeitmangel als sogenannte "rapid assessments" innerhalb von ein bis drei Tagen ausgeführt werden. Dennoch wurden auch hierbei die Interviews über die Gesundheitsbedürfnisse nicht nur mit dem medizinischen Personal, sondern zusätzlich mit den Patienten, deren Angehörigen und der umgebenden Bevölkerung geführt. Bei diesen Assessments mussten zusätzlich auch noch die Bedingungen des Gebers berücksichtigt werden.

Infografik zu Health-Needs-Assessment

Auch die Ergebnisse dieser "rapid assessments" waren zu diesem Zeitpunkt bemerkenswert: In einem großen Hospital gab es zum Beispiel keine Wasserversorgung. Die Krankenschwestern trugen in ihrer morgendlichen Dienstzeit auf Ihren Köpfen das benötigte Wasser in Eimern aus einem vier Kilometer entfernten Fluss heran und standen für zwei bis drei Stunden nicht für die Patientenversorgung zur Verfügung. Die fehlende Wasserversorgung wurde vom Hospital-Personal nicht thematisiert. Allein die Angehörigen der Patienten, die das Wasser zum Kochen und Waschen auch aus diesem Fluss holen mussten und in dieser Zeit ihre Angehörigen nicht versorgen konnten, monierten das fehlende Wasser am Hospital. Ohne sie wäre der erforderliche Brunnen nicht als Gesundheitsbedürfnis festgestellt worden.

In einem anderen Hospital, das den Status eines Provinzhospitals hatte, wurde nur durch die Interviews der umliegend wohnenden Bevölkerung festgestellt, dass alle Hospitalabwässer völlig ungeklärt in einen Fluss liefen, aus dem unweit flussabwärts das Trinkwasser des Dorfes entnommen wurde! Die Ärzte, Schwestern und Pfleger dieses Hospitals hatten aber nur rein medizinische Gerätschaften zur besseren Versorgung als Gesundheitsbedürfnisse festgelegt.



Kein Schwimmbad, sondern ein Teil der Kläranlage für die Krankenhausabwässer, welche aus dem Projekt finanziert wurde und bereits nach einem halben Jahr zur Reduzierung von Durchfallerkrankungen in der Umgebung des Hospitals geführt hat. Foto: Dr. Eberhard Forkel

Es kann abschließend festgestellt werden, dass ein wissenschaftlich fundiertes Health-Needs-Assessment auch unter den katastrophalen Bedingungen eines Failed State vor der Implementierung von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit oder bei der entwicklungsorientierten Nothilfe notwendig ist. Die "wirklichen" und real existierenden Bedürfnisse der Bevölkerung können hierbei schnell und präzise herausgearbeitet werden. Diese können bei der Ausgestaltung des Projekts aus Public Health-Überlegungen wichtige Hinweise liefern. In diesem speziellen Projekt in Simbabwe hat diese Herangehensweise zu sehr positiven Ergebnissen geführt, wie bereits in der Mid-Term-Review des Projekts gezeigt werden konnte.[10]

Autor
Dr. med. Eberhard Forkel, MPH

Literatur

[1] Hanke, St.H., Zimbabwe’s brutal inflation, Cato Institut, Forbes Magazine, 22. Dec. 2008
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gescheiterter_Staat (aufgeschlagen 27.10.2017)
[3] UNDP, 2008/2010
[4] Physicians for Human Rights, Health in Ruins, A Man-Made Disaster in Zimbabwe, Cambridge, Mass., 2009
[5] Forkel, E., A Hospital Health-Needs-Assessment at St. Anne’s Hospital in Brunapeg/Zimbabwe, HAW-Hamburg, 2010
[6] Creswell, J.W., Qualitative Inquiry & Research Design, Thousand Oaks, CA, Sage Publications, 2007
[7] Schmitz, K.-P. Die "Grauzone" in Kriesenregionen und nach Katastrophen. In Go International, edited by Elgin Hackenbruch, 71-80. Bern: Hans Huber, 2009
[8] Forkel, E., Report on the Hospital Visits in the Northern Catholic Dioceses of Zimbabwe (25.10. – 02.12.2011), Harare /Hamburg, 2011
[9] Forkel, E., Report on the Hospital Visits in the Southern Catholic Dioceses of Zimbabwe (26.01. – 05.03.2012) (Second part of the total of 30 hospital pro-ject-visits all over the country), Harare/Hamburg, 2012
[10] Forkel, E., Report and Photo-Documentation of the Mid-Term-Review at 14 Sample-Hospitals (28.03. – 04.05.2013), Harare/Hamburg 2013

Dokument erstellt am 25. April 2016, zuletzt aktualisiert am 16. Januar 2018