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Antibiotika-Einsatz in der Tierproduktion

Dr. med. Gisbert Voigt, der Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, nahm am 25. April 2012 am 5. Niedersächsischen Forum Gesundheitlicher Verbraucherschutz im Ärztehaus Hannover teil, das dem Thema "Antibiotika-Einsatz in der Tierproduktion - ein Risiko für den Verbraucher?" gewidmet war. In seinem Grußwort umriss er die Position der Ärztekammer Niedersachsen.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich bin sehr erfreut, Sie heute hier im Haus der niedersächsischen Ärzteschaft begrüßen zu dürfen. Wir wollen heute Nachmittag ein nicht nur aus meiner Sicht sehr wichtiges Thema behandeln; es ist sowohl aus Sicht der Humanmedizin als auch der Tiermedizin von großer Aktualität geprägt

Kurz nachdem wir uns in einem Gespräch mit dem LAVES sowie der DGE darauf verständigt hatten, eine Fachtagung zum Thema "Antibiotika-Einsatz in der Tierproduktion - ein Risiko für den Verbraucher?" anzubieten, kam Bewegung in dieses Thema, indem auf Bundes- und Landesebene eine intensive Diskussion in der Öffentlichkeit darüber entbrannte, wie man weiteren Resistenzentwicklungen gegen Antibiotika wirksam vorbeugen könnte.

So titelte die Süddeutsche Zeitung am 9. November 2011: "Aigner kündigt bessere Antibiotika Kontrolle an" dann am  9. Januar 2012: "Aigner will Antibiotika Einsatz bei Tieren reduzieren". Die vorgesehenen Maßnahmen umfassen erweiterte Befugnisse der Kontroll- und Überwachungsbehörden sowie genauere Angaben über die Abgabe und Anwendung der Antibiotika. Herr Landesminister Lindemann hat (HAZ, 2. Dezember 2011) zudem ein "Minimierungskonzept" für den Antibiotika-Einsatz angekündigt.

Ebenfalls in der SZ wurde bereits im Sommer des vergangenen Jahres (7. Juli 2011) eine "medizinische Geflügelmast" angeprangert und scharf kritisiert, dass es für die Meldung von Tierarzneimitteln für die Geflügelmast in Deutschland eine Sonderregelung gebe, die gerade diesen Bereich von einer Meldung ausnimmt. Und dies vor dem Hintergrund, dass wir aus dem Bericht des LAVES vom November 2011 wissen, dass ca. 80% aller Masthühner mit Antibiotika "behandelt" werden.

Gleichzeitig vergeht keine Woche, in der nicht die Medien auf eine Zunahme der Infektionen bei Menschen mit multiresistenten Keimen hinweisen (also MRSA, ESBL etc.) und Hygienemängel in deutschen Krankenhäusern anklagen. Wir haben alle noch die Meldungen über Infektionen auf der Neugeborenenintensivstation der Kinderklinik Bremen Mitte mit ESBL Keimen mit tödlichem Ausgang für mehrere Frühgeborene in Erinnerung.

Der Vorwurf in den Medien lautet: Antibiotika werden in der Tier- und Humanmedizin zu häufig und zu unkritisch eingesetzt!

Als Vertreter der Humanmedizin plädiere ich deshalb nachdrücklich dafür, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, den Einsatz dieser hochwirksamen und häufig auch lebensrettenden Medikamente zu reduzieren. Wir sind uns der Problematik durchaus bewusst: Aktionen wie MRSA Netzwerke oder die Aktion "Saubere Hände" sind unter Mitwirkung der ÄKN etabliert worden. Sie haben dazu beigetragen, das Problembewusstsein zu erhöhen und Strategien zu entwickeln, um derartige Infektionen zu verhindern. Ich darf Ihnen versichern: Die ÄKN wird sich auch weiterhin  an allen Maßnahmen beteiligen, die sich diesem Ziel widmen.

Thesen für die Veranstaltung
In der öffentlichen Diskussion um zunehmende Resistenzen gegen Antibiotika spielen verschiedene Überlegungen eine große Rolle. Ich nenne hier nur einige:

  1. Zuviel Antibiotika in der Tiermast führen zu resistenten Keimen, die dann vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Dem halten andere entgegen, dies sei ja nicht bewiesen. Es handele sich vielmehr um unterschiedliche Typen von resistenten Erregern bei Tier und Mensch.
  2. Zu häufig verordnete Antibiotika in der Humanmedizin erzeugen multiresistente Keime, die vom Menschen auf Tiere übertragen werden. Im Tier verwandeln sich unter Antibiotikagabe diese weiter und erreichen dann als noch resistentere Keime wieder den Menschen.
  3. Landwirte und Tierärzte sind erwiesener Maßen überdurchschnittlich häufig mit multiresistenten Keimen besiedelt (z.B. MRSA) und gelten geradezu als Verbreiter dieser Keime.

Ich bin daher sehr froh, dass wir mit Herrn Prof. Haunhorst als Vertreter der Tiermedizin und mit Herrn Dr. Pulz als Vertreter der Humanmedizin zwei kompetente Referenten für den heutigen Nachmittag gewonnen zu haben, die zu diesen  Problemen aus Sicht ihres Fachgebietes Stellung beziehen werden,

Statements
Ungeachtet dessen erscheint mir folgendes in der Diskussion wesentlich: Ohne Zweifel müssen wir erheblich stärkere  Anstrengungen in Tier- und Humanmedizin zur Reduktion des Antibiotikaverbrauches machen. Wir müssen uns ernsthaft  fragen: 

  • Ist es angesichts unseres Kenntnisstandes noch vertretbar, zeitgleich dieselben Antibiotika bei Mensch und Tier einzusetzen? Ist dies nicht eine allzu leichtfertige Praxis, die wir schleunigst überprüfen sollten?
  • Müssen wir nicht auch darüber diskutieren, ob bestimmte Antibiotikagruppen ausschließlich den Menschen vorbehalten bleiben? Es gibt Beispiele aus anderen Ländern (z.B. den Niederlanden, Dänemark), wo zum Beispiel der Einsatz von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation in der Tiermedizin untersagt ist.
  • Ist es noch zeitgemäß, wenn sowohl Verordnung als auch Abgabe von Antibiotika in der Tiermast in einer Hand liegen? In der Humanmedizin hat es sich bewährt, dass dieses nicht möglich ist, somit die Abgabe von Medikamenten über Apotheken erfolgen muss. (Kernthese eines kritischen Artikels im "Spiegel" vergangene Woche: Trennung von Verordnung und Abgabe in der Tiermedizin)

Ich halte es jedoch für verfehlt, wenn die Problematik des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermast lediglich unter dem Aspekt 'Verschulden der Tiermedizin' bzw. 'Gewinnstreben der Landwirtschaft' diskutiert wird. Die unmöglichen Bedingungen in der Tiermast sind nicht zu trennen von unserem Verhalten als Verbraucher: solange wir Fleisch in Hülle und Fülle auf unserem Speiseplan erwarten und dies auch noch zum "Schnäppchenpreis", kann es keine wirkliche Änderung in der Tiermast und sogenannten Fleischproduktion geben. Ich halte es für unredlich, über Massentierhaltung zu klagen und nicht gleichzeitig die Dumpingpreise für Fleisch, Eier und andere tierische Produkte zu kritisieren. Deutschland ist traditionell ein Land mit niedrigen Lebensmittelpreisen, dies gilt ganz besonders auch für den Fleischmarkt.

Deshalb ist die Politik, aber auch wir als Vertreter der Human- und Tiermedizin, dazu aufgerufen, neben verschärften Sicherheitsbestimmungen dazu beizutragen, die Verbraucher davon zu überzeugen, dass hochwertige und sichere Lebensmittel nicht billig und in jeder Menge verfügbar sein können. Nur kritische Verbraucher, die dies einsehen und bei ihrem Konsum zum Maßstab machen, können schließlich die Produktionsbedingungen in der Tiermast nachhaltig verändern.

Ich  wünsche Ihnen nun eine interessante und informative Veranstaltung sowie eine hoffentlich spannende Abschlussdiskussion.

(Dr. med. Gisbert Voigt)

Dokument erstellt am 25. April 2016, zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2017