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Kindergesundheit: "Neue Morbiditäten“ im Fokus

In der Septemberausgabe 2015 befasste sich das niedersächsische ärzteblatt mit dem wichtigen Thema der Kindergesundheit. Einleitend hat die Redaktion dazu mit Dr. med. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) und niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Melle, gesprochen.

nä: Herr Dr. Voigt, die ÄKN widmet sich in dieser Ausgabe des niedersächsischen ärzteblatts mit einem Schwerpunkt der Kindergesundheit. Sie sind seit über 20 Jahren als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt tätig. Welche wesentlichen Entwicklungen gab es in den vergangenen Jahren in der Kinder- und Jugendmedizin?

Die Bedeutung der Infektionskrankheiten hat in der Kinder- und Jugendmedizin deutlich abgenommen. Das rührt unter anderem daher, weil es gelungen ist, durch ein weiterentwickeltes Impfprogramm viele klassische Kinderkrankheiten zurückzudrängen beziehungsweise zum Verschwinden zu bringen. Krankheitsbilder wie Kinderlähmung, Keuchhusten oder Kehldeckelentzündung (Epiglottitis) sind praktisch verschwunden – andere wie Masern, Windpocken oder Meningitis sind deutlich vermindert. Dafür beobachten wir eine starke Zunahme der "Neuen Morbiditäten", die sich vor allem in Entwicklungsproblemen und diversen psychosozialen Störungen bei Kindern und Jugendlichen manifestieren.

nä: Sind Sie mit der gegenwärtigen Situation bei den Früherkennungsuntersuchungen (U-Untersuchungen) zufrieden und wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Die Früherkennungsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche (U1 bis U9 sowie J1) sind – was ihren sozialrechtlich verankerten Umfang angeht – nach wie vor unzureichend. Wir müssen schon bei den jungen Kindern den Fokus mehr auf die Entwicklungsstörungen lenken als zuvor. Dazu müssen auch neue Inhalte eingefügt werden. Glücklicherweise haben sich fast alle gesetzlichen Krankenkassen mittlerweile darauf eingelassen, im Rahmen von Sonderverträgen die Vergütung für zusätzliche Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern im Grundschulalter (U10 und U11) zu übernehmen sowie eine J2 für Heranwachsende im Alter von 16 bis 17 Jahren. Dies ist sicherlich eine positive Entwicklung. Zu befürchten ist allerdings, dass diese zusätzlichen Vorsorgeuntersuchungen, die nach meiner Wahrnehmung von den Eltern beziehungsweise Jugendlichen gut angenommen werden, je nach Kassenlage wieder abgeschafft werden könnten, da es hier keine sozialrechtliche Verpflichtung gibt.

nä: Eine ganz wesentliche Entwicklung geht mit dem gesellschaftlichen Wandel und der digitalen Kommunikation einher. Viele Kinder beschäftigen sich täglich mehrere Stunden lang mit Smartphone, Computer und Fernseher. Das fördert den Bewegungsmangel. Zusammen mit der verbreiteten Fehl- und Überernährung nimmt dadurch die Zahl übergewichtiger Kinder stetig zu. Mit welchen Maßnahmen kann die Ärzteschaft gegensteuern?

Sie sprechen hier ein großes Problem an. Die vielfältige Nutzung moderner Medien birgt Chancen, aber vor allem Risiken für Kinder und – stärker noch – für Jugendliche. Ein Teilaspekt davon ist der Bewegungsmangel, der aber erst in Verbindung mit einem Überangebot von hochkalorischer Nahrung sowie einer doch häufig zu beobachtenden genetischen Komponente dazu führt, dass wir deutlich mehr Kinder und Jugendliche mit teils erheblichem Übergewicht in unseren Praxen und Kliniken sehen. Dabei hat der Grundsatz, dass ein übergewichtiges Kind/Jugendlicher zumindest ein übergewichtiges Elternteil hat, eine ganz entscheidende Bedeutung. Insofern liegt aus meiner Sicht der Schwerpunkt der Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in einem ausreichenden Bewegungsangebot und in verstärkter Aufklärung über Ernährung und Veranlagung. Hier sehe ich auch maßgeblich eine Verantwortung für uns als Ärzteschaft: Wir müssen uns mit dafür einsetzen, dass es an den Schulen genügend Sportunterricht gibt, in den Sportvereinen genügend Übungsmöglichkeiten (nicht Leistungssport!) und dass in den Ganztageseinrichtungen für Kinder und Jugendliche eine gesunde Ernährung angeboten wird. Denn wenn die 97iger Perzentile der Body-Mass-Index-Kurve bereits überschritten ist, ist es in aller Regel schon zu spät.

nä: Die Medialisierung des Alltags bringt noch weitere Risiken mit sich – insbesondere für Kinder und Jugendliche. Durch Social Media tauchen neue Formen des Kindesmissbrauchs auf, es entstehen neue Mobbing-Arten und in der digitalen Kommunikation, zum Beispiel auf Social-Media-Plattformen oder über Messanger-Dienste wie WhatsApp, nimmt die Sexualisierung rasant zu (Beispiel Sexing: Versenden von Aktbildern anstelle von Textnachrichten). Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Tatsächlich bergen die Neuen Medien erhebliche Probleme. Die ÄKN engagiert sich ja gerade aus diesem Grunde seit geraumer Zeit in der Initiative White IT des Innenministeriums. Unser Fokus hat hier immer auf der Prävention gelegen. Das heißt, wir müssen vor allem die Eltern der Kinder und Jugendlichen sensibilisieren, sich intensiver mit den Neuen Medien auseinanderzusetzen. Nur so können diese Eltern ihre Kinder und Jugendlichen auf Augenhöhe begleiten und sie im verantwortungsvollen Umgang mit diesen Medien schulen. Und nur so bleiben sie im Gespräch und können Fehlentwicklungen erkennen. Fatal ist, wenn sich Eltern aus dieser Verantwortung herausstehlen und ihre Kinder/Jugendlichen allein lassen. Dann treten die Folgen ein, die Sie oben skizziert haben. Leider ist dies aber häufig die gesellschaftliche Realität. Also nicht durch Verbieten und Verteufeln kommen wir in dieser Frage weiter, sondern durch Aufklärung, Übernahme von Verantwortung und Begleitung.

nä: Welche Maßnahmen empfehlen Sie den Eltern von Heranwachsenden?

Spätestens im Rahmen der Jugenduntersuchung J1 (zwölftes bis 14. Lebensjahr) ist der "Computer" eine "never-ending story". Wir sprechen dieses Thema im Rahmen der J1 praktisch immer an. Die Lösung habe ich bereits oben skizziert. Wenn Eltern ihren Erziehungsauftrag nicht mehr wahrnehmen (wollen), dann lässt sich dieser Konflikt nicht lösen. Ich persönlich werbe immer dafür, selbst ausreichende Kompetenzen zu erwerben – vor allem aber dafür, mit den Jugendlichen zu sprechen, gemeinsam Regeln zu vereinbaren und diese dann auch durchzusetzen.

nä: Ist das aktuelle Präventionsangebot denn ausreichend oder sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?

Das Vorsorgeprogramm für Kinder und Jugendliche muss eindeutig erweitert werden. Ich frage mich seit über 20 Jahren, warum ein privat versichertes Kind nach dem ersten Lebensjahr weiter Anspruch auf eine einmal jährliche Vorsorgeuntersuchung bis zum vollendeten 14. Lebensjahr hat, die in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versicherten Kinder – über 90 Prozent der Gesamtanzahl – aber nicht ... Allein dieses Beispiel zeigt, dass wir erheblichen Nachbesserungsbedarf haben. Gerade unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen mit ihren mannigfachen Folgen für eine veränderte Morbidität von Kindern und Jugendlichen wäre dies ein erster Schritt in die richtige Richtung. Diese Veränderungen müssen aber auch durch Weiter- und Zusatzqualifizierungen für Kinder- und Jugendärzte begleitet werden, die darüber hinaus ebenfalls für alle Kollegen, die arbeitstäglich mit Kindern und Jugendlichen umgehen, gelten sollten.

nä: Herr Dr. Voigt, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Dr. med. Gisbert Voigt führte Stephanie Wente.

Dokument erstellt am 4. Januar 2017, zuletzt aktualisiert am 12. Dezember 2017