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Kinderpornographie weltweit bekämpfen!

Dr. med. Gisbert Voigt, der Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, nahm am 1. Juli 2010 an einer Anhörung zum Kinderschutz im Internet der Fraktion der Europäischen Volkspartei und europäischer Demokraten im Europäischen Parlament in Brüssel teil. Das Ergebnis: Durchgreifende Erfolge gegen Kinderpornographie und Kindesmissbrauch kann es nur bei international abgestimmten Maßnahmen geben. Im Gespräch mit dem niedersächsischen ärzteblatt beleuchtet Dr. Voigt die Hintergründe.

nä: Herr Dr. Voigt, was kann die Europäische Union unternehmen, um Kinderpornographie wirksam zu bekämpfen und einen besseren Kinderschutz durchzusetzen?

Dr. med. Gisbert Voigt im InterviewDr. Voigt: Der Sinn der Anhörung der europäischen Volksparteien in Brüssel war zunächst einmal eine Positionsbestimmung und eine Definition dessen, wie der Kinderschutz im Internet verbessert werden kann. Es gilt, wirksame internationale Instrumente zu finden zur Vorbeugung und Verhinderung von Kinderpornographie im Internet. Es zeigte sich, dass es auf der einen Seite starke Stimmen gibt, die für eine Blockade von Kinderpornographie-Seiten sind. Gibt es doch bereits mehrere europäische Länder, in denen Blockadetechniken erfolgreich Anwendung finden. Dazu gehört - als größtes dieser Länder - Großbritannien. Es gibt allerdings auch andere Stimmen in Europa, die plädieren nicht nur für eine Blockade, sondern für eine Löschung dieser kriminellen Angebote. Dazu müssen die Techniken erweitert und verfeinert werden. Es gilt, die kinderpornographischen Seiten zu identifizieren und dann zu löschen.

nä: Gibt es beim Blockieren der Seiten bereits messbare Ergebnisse?

Dr. Voigt: Zumindest kann man sagen, dass mit Blockungsprogrammen Teilerfolge zu erzielen sind. Alleine in Großbritannien sind es Zehntausende von Zugriffen, die jeden Tag verhindert werden. Seit dem Beginn dieses Projekts im Jahr 2007 konnten dort insgesamt bereits 58 Millionen Zugriffe blockiert werden. Auch in den skandinavischen Ländern sind die Zahlen recht hoch, in Norwegen werden täglich 10.000 bis 12.000 Seitenzugriffe verhindert, in Schweden 20.000 bis 30.000 und in Dänemark etwa 35.000. Das ist die eine Seite des Erfolgs - die zweite Seite ist, dass es durchaus gelingt, über solche Maßnahmen auch vermehrt Täter zu identifizieren. Europol konnte in den vergangenen zwei Jahren immerhin etwa 2.000 Täter ermitteln. Sehr schwierig ist im Moment allerdings noch die Ermittlung von Opfern - also den betroffenen Kindern und Jugendlichen.

nä: Ist es nicht noch effektiver, wenn die entdeckten Seiten ganz gelöscht werden? Gibt es dazu bereits Untersuchungen?

Dr. Voigt: In der Tat, die Stimmen für das Löschen werden lauter. Am Anfang gab es zwar große Bedenken diesbezüglich, aber bei genauerer Betrachtung der Thematik ist es offensichtlich so, dass dieses der effektivste Weg sein kann und sein wird. Wir dürfen an dem Punkt eines nicht vergessen: Es geht hier nicht um Datenschutz und Meinungsfreiheit bei Kavaliersdelikten, sondern hier geht es um ein kriminelles Vergehen. Dieses muss bekämpft werden im Interesse der Kinder und Jugendlichen, die missbraucht werden, denn Kinderpornographie ist Kindesmissbrauch. Das muss man so deutlich sagen.

nä: Viele kinderpornographische Angebote kommen ja angeblich gar nicht aus den europäischen Ländern sondern zum Beispiel aus osteuropäischen Ländern. Welche politischen Hebel hätte denn die europäische Politik, um zum Beispiel in Russland oder der Ukraine diese Seiten auszuschalten?

Dr. med. Gisbert Voigt im InterviewDr. Voigt: Fakt ist, dass im Moment offensichtlich Server in den beiden genannten Ländern stehen und dort solch ein Material eingespeist wird und damit auch im Internet ansteuerbar ist. Mit beiden Regierungen finden Gespräche statt über die Europäische Kommission. Es wird versucht auf die Regierung einzuwirken, um zu verhindern, dass solche Server dort ans Netz gehen. Die europäischen Staaten sollten politische Druckmittel entwickeln, um andere Länder zu zwingen, solche Server abzuschalten.

nä: Herr Dr. Voigt, Sie haben in Brüssel als Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen die deutsche Ärzteschaft vertreten. Was sind die Hintergründe für das große Engagement der Ärztekammer Niedersachsen in Sachen Kinderschutz?

Dr. Voigt: Zum einen ist es so, dass die Ärztekammer Niedersachsen ja Partner des Bündnisses White IT ist und in diesem Auftrag bin ich auch in Brüssel gewesen. Zum anderen ist die Ärztekammer Niedersachsen die einzige ärztliche Organisation oder Körperschaft, die dort zugegen war. Es war extrem wichtig, dort auch den ärztlichen Standpunkt in die Diskussion einzubringen und das habe ich auch in der Diskussion des Hearings getan und sehr deutlich gemacht, dass wir an der ärztlichen Basis sehr viel dafür arbeiten, bei den Kolleginnen und Kollegen mehr Problembewusstsein für dieses Thema zu erzeugen. Wir müssen Instrumente entwickeln, um den Opfern zu helfen. Des weiteren sind wir als Ärzte auch gefordert, für Täter und solche, die gefährdet sind, zum Täter zu werden, therapeutische Konzepte zu entwickeln und zu verbreiten. Die Ärztekammer hat ja den gesetzlichen Auftrag, sich für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung einzusetzen. Vor diesem Hintergrund ist es für die ÄKN eine zentrale Aufgabe und Anliegen zugleich, an dem Thema Kindesgesundheit mitzuarbeiten. Und zwar auch auf internationaler Ebene, denn nur diese Ebene kann effektiven Kinderschutz im Internet umsetzen.

nä: Auch Kinder- und Allgemeinärzte in Niedersachsen sind mitunter konfrontiert mit dem Thema Kindesmissbrauch und Kinderpornographie. Bietet die Ärztekammer den Kolleginnen und Kollegen Handlungskonzepte für den Umgang mit Opfern und Tätern?

Dr. Voigt: Wir bemühen uns seit mehreren Jahren um eine intensive Fortbildung auf diesem Gebiet, speziell in den Ärztevereinen. Es geht darum, das Wissen um Hintergründe und therapeutische Optionen bei Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung zu verstärken. Da sind auf einem guten Wege, aber wir müssen an dem Thema dringend weiterarbeiten. Auf Landesebene unterstützen wir zumindest einmal im Jahr eine größere Veranstaltung zu diesem Themenkomplex. Erst im Juni haben wir in Zusammenarbeit mit der AG Kinderschutz in der Medizin hier in Hannover die zweite Jahrestagung mit dem Titel "Medizinischer Kinderschutz im Spannungsfeld der Gesellschaft“ mitveranstaltet - ein eineinhalbtägiger Kongress mit einer sehr guten Teilnehmerzahl und mit einer über das Land Niedersachsen hinausgehenden Wirkung.

nä: Es wurde auf diesem Kongress deutlich, das Kindesvernachlässigung und Kindesmissbrauch leider Phänomene mit zunehmenden Fallzahlen sind. Verliert die moderne Gesellschaft an elterlichen Kompetenzen?

Dr. Voigt: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass bei der Thematik Kindesvernachlässigung und auch Kindesmisshandlung leider häufig auch Überforderungssituationen der Eltern ein Rolle spielen. Ein zentrales Problem dabei ist, dass Eltern zunehmend in ihrer Erziehungskompetenz überfordert sind. Das muss dazu führen - und das ist für uns eine gesellschaftspolitische Aufgabe und zugleich eine gesellschaftspolitische Forderung als Ärzteschaft -, dass wir landesweit Erziehungstrainingsprogramme für Eltern anbieten. Dazu gibt es hochinteressante Modelle, über die wir bereits im Januar dieses Jahres im niedersächsischen ärzteblatt berichtet hatten. Auch auf der 2. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin wurde dieser Aspekt betont und fand große Resonanz in den Medien. Ich denke, wir müssen weiter stark dafür Werbung machen, dass solche Elterntrainings - deren Ziel es ist, Erziehungskompetenzen der Eltern zu stärken – landesweit etabliert werden, weil ein ganz großer positiver Begleiteffekt eine Senkung von Kindesmisshandlungen und Kindesvernachlässigungsein wird.

nä: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Dr. med. Gisbert Voigt führte Jörg Blume. Fotos: ÄKN/Jana Striewe

Dokument erstellt am 25. April 2016, zuletzt aktualisiert am 25. September 2017