
Durch das von der Ampel-Koalition verabschiedete Cannabisgesetz sind seit dem 1. April 2024 sowohl der Besitz von Cannabis als auch der Anbau unter bestimmten Rahmenbedingungen erlaubt. Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) hat diese Legalisierung von Cannabis wiederholt kritisiert – auch im Hinblick auf mangelnde Präventionsmaßnahmen.1 Nun fordert das Parlament der niedersächsischen Ärzteschaft in seiner heutigen Sitzung am 14. März 2026 in einer Resolution mit großer Mehrheit die Rücknahme der Legalisierung sowie die sofortige Stärkung von Schutz- und Präventionsmaßnahmen.
Fast zwei Jahre nach der Legalisierung sieht die ÄKN-Kammerversammlung ihre Befürchtungen als bestätigt an: größere Risiken für die neurokognitive Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen und auch hinsichtlich vermehrt auftretender psychischer Erkrankungen.2, 3 Zwar schreibt das Cannabisgesetz genau deshalb Verbotszonen vor, in denen der öffentliche Konsum von Cannabis nicht gestattet ist – beispielsweise in der Nähe von Schulen, in Fußgängerzonen oder an öffentlichen Sportstätten. Doch gerade diese Regelungen sowie deren Kontrolle sehen die Delegierten des Ärzteparlaments als praktisch unwirksam an. „Wenn man die Verbotszonen auf urbane Räume projiziert, ist der Cannabis-Konsum an vielen Orten verboten – und doch ist er im Alltag allgegenwärtig und kaum zu kontrollieren. Wir müssen leider feststellen: Der im Gesetz angedachte Kinder- und Jugendschutz ist gescheitert und auch künftig nicht zu leisten. Wir fordern daher die Rücknahme der Legalisierung“, unterstreicht Dr. med. Thomas Buck, stellvertretender Präsident und Vorsitzender der Bezirksstelle Hannover der Ärztekammer Niedersachsen sowie niedergelassener Kinder- und Jugendarzt.
Dem pflichtet Dr. med. Katharina-Juliane Kirsche, Delegierte der Kammerversammlung, Vorsitzende der Ärztekammer Bezirksstelle Lüneburg und in Bad Bevensen niedergelassene Hausärztin, bei: „Die Drogenaffinitätsstudie 2025 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) bestätigt einen deutlichen Anstieg des Cannabiskonsums bei den 18- bis 25-Jährigen“, berichtet die Ärztin.4 Das seien aber junge Erwachsene, deren Gesundheit dadurch langfristig Schaden nehmen könne. „Neuere internationale Studien weisen zum Beispiel darauf hin, dass regelmäßiger Konsum eine verminderte Fruchtbarkeit nach sich ziehen kann sowie außerdem das Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Ereignisse wie einen Herzinfarkt vergrößert“, betont Kirsche.5, 6, 7
Vollständiger Resolutionstext
- Die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen fordert die Bundesärztekammer auf, sich auf Bundesebene weiterhin und nachdrücklich für eine zügige Aufhebung der „Legalisierung von Cannabis“ außerhalb des BtMG und damit insbesondere für eine schnellstmögliche Verbesserung des Schutzes von Kinder- und Jugendlichen vor Cannabis einzusetzen.
- Unverzüglich umzusetzen sind Schutz- und Präventionsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche und die Intensivierung der Aufklärung vor den Gefahren des Cannabiskonsums. Effektiver Schutz von Kindern und Jugendlichen duldet keinen Aufschub.
- Die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen beauftragt ihre Delegierten für den Deutschen Ärztetag, sich in vergleichbarer Weise zur Aufhebung der Cannabislegalisierung und zur Stärkung des Kinder- und Jugendschutzes vor Cannabis auf dem kommenden Deutschen Ärztetag in einer Debatte einzubringen.
Begründung
Als Ärztinnen und Ärzte tragen wir Verantwortung für unsere Patientinnen und Patienten, und ganz besonders für Prävention, Früherkennung und gesundheitlichen Kinderschutz. Kinder und Jugendliche sind gegenüber psychoaktiven Substanzen wie Cannabis besonders vulnerabel. Frühzeitige Exposition und Normalisierung von Cannabiskonsum können sich negativ auf neurokognitive Entwicklung, psychische Gesundheit und schulische Leistungsfähigkeit auswirken. Ärztliche Prävention umfasst daher nicht nur die Vermeidung des Eigenkonsums, vor allem Minderjähriger, sondern auch den Schutz vor sichtbarer Alltagspräsenz, Geruchsexposition und sozialer Normalisierung.
Der Deutsche Ärztetag hat vor dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes (CanG) vor einer Legalisierung von Cannabis gewarnt, er hat auf die Gefahren des Konsums, insbesondere für Kinder- und Jugendliche aufmerksam gemacht. Gleichwohl verabschiedete der Bundesgesetzgeber das CanG, auch in der Annahme, sein Regelungskonvolut könne Kinder- und Jugendliche schützen. Der vom Gesetzgeber als wirksam eingestufte Kinder- und Jugendschutz, insbesondere auf der Basis des § 5 CanG, erweist sich jedoch als ineffizient. Nicht nur, dass diese Regelung, die Orte, an denen der Konsum von Cannabis verboten ist, festlegt, nicht klar genug formuliert ist (Sichtregelung). Noch problematischer ist, dass derzeit nicht genug Möglichkeiten bestehen, diese Regelung zu vollziehen, geschweige denn faktisch jemals bestehen werden. Konsum ist, trotz der Regelung in § 5 CanG, u.a. regelmäßig und unkontrolliert in und im Umfeld von Freibädern, Freizeitstätten, Schulhöfen und Sportstätten festzustellen.
Verbote und Schutzregelungen, deren Vollzug nicht leistbar ist und nicht leistbar wird, bieten für Kinder und Jugendliche keinen Schutz. Die Lösung ist einfach: Die Legalisierung von Cannabis außerhalb des BtMG muss rückgängig gemacht werden.
Quellen
1 Pressemitteilung der Ärztekammer Niedersachsen vom 16.02.2024
https://www.aekn.de/detail/cannabis-legalisierung-ein-gesundheitspolitischer-irrweg
2 Pressemitteilung der Ärztekammer Niedersachsen vom 14.04.2023
https://www.aekn.de/detail/presseinformation-dr-med-martina-wenker-kritisiert-legalisierung-des-cannabiskonsums
3 Hosseini S, Oremus M. The Effect of Age of Initiation of Cannabis Use on Psychosis, Depression, and Anxiety among Youth under 25 Years. Can J Psychiatry 2019; 64(5):304–12. doi: 10.1177/0706743718809339.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30373388/
4 Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, Die Drogenaffinität Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2025 - Cannabis
https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2025_Cannabis-Bericht_fin.pdf
5 Cyntia Duval, Brandon A. Wyse, Noga Fuchs Weizman, Iryna Kuznyetsova, Svetlana Madjunkova & Clifford L. Librach.
Cannabis impacts female fertility as evidenced by an in vitro investigation and a case-control study. Nature Communications.
https://www.nature.com/articles/s41467-025-63011-2
6 Deutsches Ärzteblatt, Cannabiskonsum erhöht das Diabetesrisiko deutlich
https://www.aerzteblatt.de/news/cannabiskonsum-erhoht-das-diabetesrisiko-deutlich-7c3f094c-6ba4-4812-abc1-009b04a067a8
7 Ibrahim Kamel, Ahmed K. Mahmoud, Anu Radha Twayana, Ahmed M. Younes, Benjamin Horn, and Harold Dietzius. Myocardial Infarction and Cardiovascular Risks Associated With Cannabis Use. Journal of the American College of Cardiology.
https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacadv.2025.101698
Bildmaterial
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