
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Frau Bundesministerin Warken,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Lies,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Onay,
sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Ahmetović,
sehr geehrte Frau Landtagsabgeordnete Viehoff,
sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Holsten,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen,
sehr geehrte Delegierte des Deutschen Ärztetages,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
als Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen ist es mir eine große Ehre und Freude, Sie heute hier in Hannover zur Eröffnung des 130. Deutschen Ärztetages 2026 begrüßen zu dürfen.
Ein besonderer Gruß gilt unseren Gästen aus der Region: den Vertreterinnen und Vertretern der niedersächsischen Landespolitik, der kommunalen Ebene, der Universitäten, der Krankenhäuser sowie den vielen engagierten Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen unseres Bundeslandes.
Der Deutsche Ärztetag bringt auch Ärztinnen und Ärzte aus aller Welt zusammen. Es freut mich daher ausgesprochen, dass so viele internationale Kolleginnen und Kollegen unserer Einladung nach Hannover gefolgt sind und den Deutschen Ärztetag nutzen, um sich über die aktuellen Entwicklungen in der deutschen Ärzteschaft zu informieren und sich zu vernetzen. Im Rahmen der Plenumseröffnung wird der Präsident der Bundesärztekammer alle internationalen Gäste einzeln begrüßen – hier an dieser Stelle möchte ich bereits einige hervorheben:
Ich begrüße ganz herzlich die Präsidentin des Weltärztebundes, Frau Dr. Jacqueline Kitulu, und den Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes Dr. Jack Resneck!
Ebenso herzlich begrüße ich alle unsere Kolleginnen und Kollegen, die aus unseren Nachbarländern und allen Teilen Europas angereist sind. Stellvertretend möchte ich hier
Herrn Dr. Ole Johan Bakke, den Präsidenten des Ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte, CPME, hervorheben.
Ein herzliches Willkommen dem Präsidenten des Amerikanischen Ärzteverbandes, Dr. Bobby Mukkamala, dem Geschäftsführer des Kanadischen Ärzteverbandes, Alex Munter, sowie der Delegation des Vizepräsidenten des Japanischen Ärzteverbandes, Dr. Tohru Kakuta.
Und besonders herzlich willkommen heißen möchte ich die Delegation aus der Ukraine, die sich auch in diesem Jahr ein Bild über die deutsche ärztliche Selbstverwaltung machen möchte und sich trotz Krieg im Land um den Aufbau einer Selbstverwaltung im Gesundheitswesen bemüht.
Herzlich willkommen!
Niedersachsen ist ein Flächenland mit großer Vielfalt – von urbanen Zentren bis hin zu ländlichen Räumen. Diese Vielfalt stellt uns täglich nicht nur vor besondere Herausforderungen, sondern bietet zugleich die Chance, innovative Versorgungsmodelle zu entwickeln und umzusetzen.
Die Landeshauptstadt Hannover steht dabei sinnbildlich für Vernetzung, Fortschritt und Dialog. Als bedeutender Gesundheitsstandort mit exzellenter universitärer Medizin, starker Forschung und einem breit aufgestellten Versorgungsnetz bietet diese Stadt den idealen Rahmen für unsere Beratungen. Ich heiße Sie alle herzlich willkommen – in einer Stadt, die Tradition und Zukunft des Gesundheitswesens auf besondere Weise verbindet.
Meine Damen und Herren,
der Deutsche Ärztetag ist seit jeher weit mehr als ein berufspolitisches Treffen. Er ist Ausdruck unserer gemeinsamen Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung der Menschen in unserem Land. Und er ist ein Symbol für das, was uns als Ärzteschaft auszeichnet: unsere Selbstverwaltung.
Die ärztliche Selbstverwaltung ist dabei kein historisches Relikt. Mehr denn je ist sie ein zukunftsweisendes Prinzip. Sie verstärkt das Demokratieprinzip. Regeln werden von den Ärztinnen und Ärzten gemacht oder beeinflusst, weil Ärztinnen und Ärzte im Gesundheitssystem arbeiten. Weil sie verstehen und wissen, wie man es besser machen kann. Es geht dabei nicht um das alleinige Interesse der Ärzteschaft, sondern zugleich um unsere Gesellschaft.
Diese Selbstverwaltung ermöglicht es uns, fachliche Kompetenz, ethische Verantwortung und praktische Erfahrung in die Gestaltung des Gesundheitswesens einzubringen. Sie garantiert, dass medizinische Entscheidungen nicht allein von ökonomischen oder politischen Erwägungen bestimmt werden, sondern vor allem vom Wohl der Patientinnen und Patienten. Das ist ärztliches Selbstverständnis, das ist der Kern guter Versorgung.
Gute Versorgung braucht gute Politik und eine gute Politik braucht eine starke Selbstverwaltung. Nur wer die Realität der Versorgung kennt, wer täglich Verantwortung für Patientinnen und Patienten trägt, wer Stunde um Stunde um das Leben der anderen ringt, erlebt und begreift die Konsequenzen politischer Entscheidungen hautnah.
Unsere Selbstverwaltung ist kein Gegenpol zur Politik – sie ist ihre notwendige Partnerin, Ideengeberin, Gestalterin – wenn es sein muss auch Kritikerin und manchmal auch Fürsprecherin. Doch Partnerschaft bedeutet auch, gehört zu werden.
Besonders wichtig ist dabei eines: unsere Geschlossenheit. Geschlossenheit verleiht uns Gewicht. Uneinigkeit schwächt uns.
Damit komme ich zu alten und neuen Herausforderungen unserer Zeit, meine Damen und Herren.
Wir leben in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Der demografische Wandel führt zu einer älter werdenden Bevölkerung mit komplexeren Krankheitsbildern. Gleichzeitig stehen wir vor einem zunehmenden Fachkräftemangel, der alle Bereiche des Gesundheitswesens betrifft. Die Erwartungen der Patientinnen und Patienten steigen – zu Recht. Sie verlangen nach einer hochwertigen, zugänglichen und menschlichen Versorgung. Und dem gegenüber stehen leere Kassen.
Auch die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt grundlegend. Sie bietet enorme Chancen – etwa für bessere Vernetzung, effizientere Prozesse und neue Versorgungsformen. Doch sie bringt auch Herausforderungen mit sich: Fragen des Datenschutzes, der Interoperabilität und nicht zuletzt der praktischen Umsetzbarkeit im Alltag. Hinzu kommen globale Krisen, die auch unser Gesundheitssystem betreffen:
Pandemien, Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten in einem Ausmaß, das uns vor nur wenigen Jahren undenkbar erschien. All dies wirkt sich unmittelbar auf unsere Arbeit aus. Die Resilienz unseres Gesundheitssystems ist dabei keine abstrakte Größe – sie entscheidet darüber, wie gut wir in Krisensituationen handeln können. Deshalb müssen wir von einer überwiegend reagierenden, anpassenden Politik hin zu einer proaktiv gestaltenden Politik kommen.
Und gute Politik, das bedeutet dann eben auch: einander zuzuhören, die Sichtweisen des Gegenübers zu verstehen und eine gemeinsame Lösung finden. Und Medienberichterstattung und die öffentliche Diskussion darüber sollte nicht danach fragen, wer Gewinner und wer Verlierer einer Debatte ist, sondern nach dem Nutzen für die Versorgung.
Wenn wir über den Tellerrand der ärztlichen Selbstverwaltung hinausblicken, dann sehen wir in der heutigen Welt leider oft das Gegenteil von guter Politik. Wir sehen Regierungen, die auseinander gehen, wir sehen Bündnisse, die zu zerfallen drohen oder schon zerfallen sind und wir sehen Debatten um der Debatte willen, nicht jedoch, um gut zu versorgen.
Die eigene politische Agenda darf nicht wichtiger sein als Verantwortung für die Versorgung und sachgerechte Kompromisse.
Der Kompromiss ist das zentrale und starke Merkmal einer guten Politik. Er bringt unterschiedliche Sichtweisen zusammen und vereint sie zum machbaren. Und er sendet dabei das klare Signal an die Menschen im Land: Politik und Selbstverwaltung sind handlungsfähig.
Meine Damen und Herren,
lassen Sie mich an dieser Stelle den Blick gezielt auf die Gesundheitspolitik richten. Wenn wir über die Zukunft unseres Gesundheitswesens sprechen, dann müssen wir Prävention stärker in den Mittelpunkt stellen. Zu lange hat sich unser System vor allem auf die Behandlung von Krankheiten konzentriert, statt deren Entstehung konsequent zu verhindern.
Wir wissen: Viele der großen Volkskrankheiten sind vermeidbar oder zumindest beeinflussbar. Durch frühzeitige Aufklärung, durch gezielte Vorsorgeangebote und durch eine enge Begleitung der Menschen können wir nicht nur Leid verhindern, sondern auch die Nachhaltigkeit unseres Gesundheitssystems sichern.
Prävention ist eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt nicht erst in der Arztpraxis, sondern in der Lebenswelt der Menschen: in Bildung, Arbeit, Umwelt und sozialer Teilhabe. Hier sind interdisziplinäre Ansätze gefragt – und eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Selbstverwaltung und anderen gesellschaftlichen Akteuren. Prävention ist eine der entscheidenden Zukunftsaufgaben der Medizin.
Eine weitere zentrale Herausforderung, vor der wir stehen, ist die notwendige Strukturveränderung im Gesundheitswesen.
Die Krankenhauslandschaft wird sich weiterentwickeln müssen – hin zu mehr Spezialisierung, klareren Versorgungsaufträgen und einer besseren Verzahnung untereinander und mit dem ambulanten Bereich. Und gleichzeitig benötigen wir auch im ambulanten Bereich einen Neustart mit grundlegenden Reformen und sachgerechten Behandlungspfaden. Diese Veränderungen sind schon lange notwendig.
Strukturreformen brauchen Akzeptanz – und Akzeptanz entsteht durch Beteiligung. Der fachliche Beitrag aus der ärztlichen Selbstverwaltung muss gehört werden, um gute Politik zu machen. Denn wir kennen die regionalen Besonderheiten, die Versorgungsrealitäten und die Bedürfnisse unserer Patientinnen und Patienten.
Die ärztliche Selbstverwaltung kann hier Brücken bauen zwischen politischen Zielsetzungen und praktischer Umsetzung. Als Ärzteschaft sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind bereit, Veränderungen mitzugestalten. Aber wir erwarten auch, dass unsere Stimme Gewicht hat.
Mein Appell richtet sich daher an die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen: Nutzen Sie die Kompetenz der Selbstverwaltung. Binden Sie uns frühzeitig und verbindlich in Entscheidungsprozesse ein. Vertrauen Sie auf die Expertise derjenigen, die das Gesundheitswesen tagtäglich tragen. Und mein Appell richtet sich ebenso an uns selbst, an die ärztliche Gemeinschaft: Lassen Sie uns die Chancen nutzen, die in unserer Selbstverwaltung liegen! Lassen Sie uns sektoren- und fachgebietsübergreifend handeln! Alle müssen an einen Tisch, und zwar schon gestern.
Bringen wir uns aktiv ein, gestalten wir Prozesse konstruktiv und bleiben wir offen für neue Wege! Eine starke Selbstverwaltung lebt vom Engagement ihrer Mitglieder.
Meine Damen und Herren,
der Deutsche Ärztetag 2026 bietet uns die Gelegenheit, zentrale Weichenstellungen zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Lassen Sie uns diese Chance nutzen – im Sinne unserer Patientinnen und Patienten, im Sinne unseres Berufsstandes und im Sinne eines leistungsfähigen, solidarischen Gesundheitssystems.
Lassen Sie uns diese Chance nutzen – im Dialog, im respektvollen Austausch und vor allem in dem Bewusstsein, dass wir gemeinsam mehr erreichen können als jede und jeder Einzelne für sich! Denn gemeinsam arbeiten wir an dem wichtigsten Gut, dass wir Menschen haben – der Gesundheit! Ich danke Ihnen für Ihr Kommen, für Ihr Engagement und für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich wünsche uns allen einen erfolgreichen, konstruktiven und inspirierenden Deutschen Ärztetag hier in Hannover.
Vielen Dank.
Bildmaterial
Auf Anfrage an kommunikation(at)aekn.de stellen wir Ihnen gern Bildmaterial zur Verfügung.
Über die Ärztekammer Niedersachsen
Die Ärztekammer Niedersachsen ist die standesrechtliche Vertretung der rund 48.000 Ärztinnen und Ärzte im Flächenland Niedersachsen. Sie nimmt in Selbstverwaltung öffentliche Aufgaben im Gesundheitswesen wahr und erfüllt zugleich weisungsgebunden übertragene staatliche Aufgaben. Außerdem setzt sie sich für eine qualitativ hochwertige ärztliche Fort- und Weiterbildung ein und betreut die Ausbildung der Medizinischen Fachangestellten.
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