
Vor fast genau fünfeinhalb Jahren wurde die erste Infektion mit dem bis dahin weitgehend unbekannten Virus SARS-CoV-2 in Niedersachsen bestätigt. Seitdem wurden im gesamten Bundesland rund 4 Millionen Infektionen offiziell registriert – bundesweit waren es fast 40 Millionen.1 Viele der infolge der Infektion an COVID-19 erkrankten Patientinnen und Patienten leiden bis heute an den Langzeitfolgen. In Studien wird berichtet, dass fünf bis zehn Prozent der Erkrankten von Long-COVID betroffen sind – also nach der Infektion noch vier Wochen oder länger weiter bestehende oder wiederkehrende Symptome aufweisen.2 Bestehen Symptome bei Erwachsenen noch zwölf Wochen oder bei Kindern noch acht Wochen nach Infektion oder treten sie nach diesem Zeitraum sogar neu auf, ist dies als Post-COVID-Syndrom definiert.3
Interdisziplinäre Versorgung notwendig
Post-COVID ist dabei kein einheitliches Krankheitsbild, sondern umfasst eine Vielzahl an körperlichen, kognitiven und psychischen Symptomen als Langzeitfolge der vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion. Angesichts dieses breiten Spektrums ist die Versorgung von Post-COVID-Patientinnen und -Patienten nur durch eine strukturelle Stärkung von darauf ausgerichteten Angeboten zu gewährleisten. „Die Komplexität und Vielschichtigkeit des Post-COVID-Syndroms bedarf einer interdisziplinären Betrachtung. Spezialisierte Long-/Post-COVID-Ambulanzen mit interprofessionellen Teams leisten hier eine entscheidende Unterstützung der behandelnden Haus- und Fachärztinnen und -ärzte bei Diagnostik und Therapie“, so Dr. med. Vega Gödecke, Oberärztin der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen sowie des Zentrums für Seltene Erkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).
Nur zwei Zentren in Niedersachen
Aktuell gibt es in Niedersachsen zwei solcher Angebote, jeweils eins an der MHH sowie eins an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Um die Versorgung bei Post-COVID-Syndrom in ganz Niedersachsen zu stärken, befürwortet die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) einen weiteren Ausbau. „Für eine spezialisierte, interdisziplinäre Versorgung benötigt ein Flächenland wie Niedersachsen ein entsprechendes Netzwerk. Daher sehen wir die Einrichtung von weiteren Post-COVID-Ambulanzen oder ähnlichen Angeboten als notwendig an“, so Dr. med. Marion Charlotte Renneberg, stellvertretende Präsidentin der ÄKN.
Die Einrichtung spezialisierter Versorgungsangebote ist insbesondere auch vor dem Hintergrund der zum Teil sehr aufwändigen Diagnostik notwendig. Da sich das Post-COVID-Syndrom nicht durch die Bestimmung beispielsweise eines einzelnen Biomarkers bestimmen lässt, bedarf es einer aufwändigen Differentialdiagnostik.4 Hierbei werden die vorhandenen Symptome systematisch betrachtet und das Post-COVID-Syndrom von anderen möglichen Krankheitsursachen abgegrenzt.
Stigmatisierung von Post-COVID-Patientinnen und -Patienten
Für Patientinnen und Patienten mit Post-COVID hat die aufwändige und komplexe Diagnostik bei gleichzeitigem Mangel an spezialisierten Zentren vor allem eine Konsequenz: Sie erhalten meist erst nach langer Zeit eine Diagnose – oder im schlimmsten Fall keine Gewissheit. „Menschen mit Post-COVID-Syndrom erleben oft eine Benachteiligung. Ihre Beschwerden werden nicht gesehen oder sie werden ohne hinreichende Grundlage in den Bereich der psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen einsortiert. Gerade diese Verschiebung empfinden Patientinnen und Patienten oft als stigmatisierend. Im Vergleich zu vielen anderen Erkrankungen sind diese Mechanismen bei Post-COVID überproportional ausgeprägt und langfristig leiden die Betroffenen oft unter einem Gefühl der Isolation und der Ohnmacht“, so Professor Dr. med. Georg Schomerus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Leipzig. Aus Sicht der ÄKN bedarf es zur Etablierung einer bedarfsgerechten Versorgung auch einer erhöhten Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild: „Gerade wenn wir in der Versorgung Patientinnen und Patienten sehen, deren Verläufe auffällig und nicht eindeutig erklärbar sind, müssen wir Post-COVID im Hinterkopf haben“, betont Renneberg.
Mehr Forschung nötig
Ergänzend zur strukturellen Verbesserung der Versorgung von Post-COVID-Patientinnen und -Patienten ist insbesondere auch weitergehende Forschung zur Verbesserung von Diagnostik und Therapie nötig. „Aktuell gibt es tatsächlich nur Schätzungen, wie viele Menschen in Niedersachsen betroffen sein könnten. Zu vermuten ist, dass wir viele Fälle noch gar nicht kennen – und dass wir vor allem auch schwer Betroffene noch nicht ausreichend versorgen, da diese zum Teil in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind und den Weg in eine Praxis gar nicht mehr auf sich nehmen können“, erläutert Professorin Dr. med. Karin Weissenborn von der Klinik für Neurologie der MHH. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. med. Meike Dirks koordiniert sie das Projekt ACCESS der Uniklinik. Erstes Ziel dieses Projekts ist es, die Häufigkeit von schweren Post-COVID-Verläufen zu ermitteln. Mit erfasst werden soll hierbei auch das Auftreten von ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom). Dies ist ein häufiges Krankheitsbild bei Post-COVID, kann aber auch nach anderen Viruserkrankungen auftretren. Im zweiten Projektschritt sollen 100 schwer betroffene Patientinnen und Patienten durch ein interdisziplinäres Ärzteteam im häuslichen Umfeld befragt und untersucht werden. „Dieses Projekt setzt genau dort an, wo vermutlich die größte Unterversorgung besteht. Wir benötigen mehr solcher Forschungsaktivitäten zu Post-COVID sowohl zur konkreten Versorgung als auch zu den Grundlagen der Erkrankung sowie zu den bestmöglichen Therapien“, betont Renneberg.
ÄKN-Fortbildung zum Post-COVID-Syndrom
Um den Wissensaustausch hinsichtlich der aktuellen Versorgungsmöglichkeiten zu unterstützen, veranstaltet die ÄKN heute eine ärztliche Fortbildung zum Post-COVID-Syndrom. Neben aktuellen Forschungsergebnissen und -projekten werden hier auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit von behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie spezialisierten interdisziplinären Zentren vorgestellt. Um möglichst vielen Ärztinnen und Ärzten aus ganz Niedersachsen die Teilnahme zu ermöglichen, findet die Veranstaltung sowohl in Präsenz als auch online statt. „Wir freuen uns sehr, dass sich 290 Ärztinnen und Ärzte für diese Fortbildung angemeldet haben. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir als niedersächsische Ärzteschaft Post-COVID ernst nehmen und unseren Teil zur Stärkung der Versorgung beitragen“, so Renneberg.
Quellen
1https://interaktiv.br.de/corona-newsletter/
3 Alwan, N.A. und L. Johnson, Defining long COVID: Going back to the start. Med (N Y), 2021. 2(5): S. 501-504.
4 https://register.awmf.org/assets/guidelines/020-027l_S1_Long-Post-Covid_2025-08-verlaengert.pdf
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