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Aktuelles Hannover, (ÄKN)
Professor Dr. med. Frank Lammert, der neue Vizepräsident der MHH. Foto: K. Kaiser / MHH Professor Dr. med. Frank Lammert, der neue Vizepräsident der MHH. Foto: K. Kaiser / MHH
Über den Neubau des Gesundheitscampus an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), den herrschenden Ärztemangel, den Entwurf für die neue Approbationsordnung und weitere Themen sprach das niedersächsische ärzteblatt (nä) mit dem neuen Vizepräsidenten der MHH, Professor Dr. med. Dipl.-Volksw. Frank Lammert. Lammert trat das Amt zum 1. Februar 2021 an und ist für das Ressort Krankenversorgung zuständig.

Herr Professor Lammert, Sie starten zu einem Zeitpunkt in Ihr Amt, da das Universitätsklinikum neu gebaut wird. Was sind Ihre Anforderungen an das Projekt?

Professor Dr. Frank Lammert:  Der Neubau des Universitätsklinikums fasziniert mich und ist natürlich ein besonderer Anspruch. Ich war jetzt mehr als 30 Jahre als Arzt und Chefarzt an Unikliniken in Aachen, Bonn, Boston sowie im Saarland und kirchlichen Krankenhäusern tätig. Zu Beginn habe ich in Aachen studiert und anschließend die ersten 15 Jahre dort im neuen „Großklinikum“ gearbeitet. Seitdem hat mich die Frage beschäftigt: Wie muss die Architektur für ein Universitätsklinikum aussehen? In Aachen wirkte der Bau außerhalb der Stadt zwar zunächst bedrohlich, aber dort konnten Krankenversorgung, Forschung und Lehre gut integriert werden. Die Herausforderung für ein Universitätsklinikum ist, dass es sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für die Mitarbeitenden, die dort den größten Teil ihrer Lebenszeit verbringen, optimal gestaltet sein muss. Die zweite Herausforderung ist, dass es zugleich auf Krankenversorgung, Wissenschaft, Studium und schulische Ausbildung ausgerichtet sein muss. Hier an der MHH haben wir die Vision, dass wir einen solchen integrierten Gesundheitscampus bauen mit dem Uniklinikum als Kern.

Haben Sie schon konkrete Ideen?

Professor Dr. Frank Lammert:  Wenn man an vielen Standorten gearbeitet hat, möchte man das Beste aus diesen verschiedenen Klinika zusammenführen. Zum Beispiel kann man die Patientenversorgung und die Lehre am Krankenbett nicht trennen, da ist die räumliche Nähe sehr entscheidend. Gleichzeitig wird Flexibilität benötigt, weil man nicht alle künftigen Entwicklungen heute schon abbilden kann. Außerdem gibt es viele Bereiche, von denen wir heute wissen, dass sie als Organ- und Behandlungseinheiten zusammenliegen müssen wie Herzchirurgie und Kardiologie oder Kinderklinik und Geburtshilfe. Diese räumliche Nähe entscheidet mit darüber, ob optimale Arbeitsbedingungen herrschen.

Eine Forderung der Enquetekommission „Sicherstellung der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung in Niedersachsen – für eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe medizinische Versorgung“ des niedersächsischen Landtags ist, den Gesundheitssektor mehr aus der Perspektive der Patientinnen und Patienten wahrzunehmen. Wie setzen Sie das um?

Professor Dr. Frank Lammert:  Das ist eine zentrale Frage. Traditionell trennen wir ambulante und stationäre Versorgung, aber neu ist der Begriff der sektorübergreifenden Versorgung. Denn Kranke wissen ja zu Beginn nicht, ob sie ambulant, stationär oder in einer Tagesklinik am besten versorgt werden. Es ist wichtig, die oft ökonomisch und formal abrechnungstechnisch getriebene Sicht aufzulösen und die Erkrankungen und damit die Patienten, in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn die Patientin oder der Patient pflegebedürftig ist und viele Begleiterkrankungen vorliegen, wird eine andere medizinische Versorgung benötigt als für jemanden, der bisher gesund war und plötzlich akut erkrankt. Die Lebensbedingungen und die Begleiterkrankungen entscheiden darüber, ob sie ambulant, stationär oder eben integriert versorgt werden sollten. Diesen Fokus müssen wir aufnehmen. Das gilt auch für die ärztliche und die pflegerische Versorgung, die auch künstlich getrennt werden. Für mich ist diese optimale Bereitstellung der medizinischen Versorgung ein Teil der Daseinsvorsorge.

Dem steht auch der in Niedersachsen herrschende Ärztemangel entgegen: Was kann und soll die MHH aus Ihrer Sicht dagegen tun?

Professor Dr. Frank Lammert: Ich bin überzeugt, dass wir in Niedersachsen insbesondere ausreichend Hausärztinnen und Hausärzte in der Fläche und leistungsfähige Krankenhäuser benötigen. Diese beiden bilden die Pfeiler der medizinischen Versorgung. Das zeigt zum Beispiel das Gesundheitswesen der Niederlande mit der Kombination aus hausärztlicher Versorgung und Fachkliniken. Was kann man als Medizinische Hochschule tun? Zuerst natürlich, möglichst viele Medizinstudierende in Hannover optimal ausbilden. Ein wichtiger Punkt ist darüber hinaus die interprofessionelle Ausbildung, bei der das Konzept der patientenorientierten Versorgung frühzeitig integriert wird. Durch die Neukonzeption der Gesundheitsfachberufe und der Approbationsordnungen werden jetzt Möglichkeiten eröffnet, dass Studierende der Gesundheitsfachberufe und Medizinstudierende zusammen lernen und von Anfang an auch gemeinsam arbeiten.

Wie kann die MHH darüber hinaus dem Ärztemangel entgegenwirken?

Professor Dr. Frank Lammert:  Wichtig ist es, gut weiterzubilden, ausreichend Personal zu gewinnen und die Arbeitsbedingungen an der MHH mit den Mitarbeitenden optimal zu gestalten. Das Besondere an einer Hochschule ist, dass wir dies mit forschender Tätigkeit und Lehre kombinieren können. Schon in der Weiterbildungszeit lernen die Ärztinnen und Ärzte, Wissen zu vermitteln. An der MHH kann man außerdem den Bogen spannen von der individualisierten molekularen Medizin über die Allgemeinmedizin bis hin zur Versorgungsforschung. Wir können alles erforschen: Was sind optimale Bedingungen für die Krankenversorgung in Klinik und Praxis?

Was ist konkret mit Studienplätzen? Planen Sie neue Studienplätze an der MHH?

Professor Dr. Frank Lammert:  Wir würden sehr gerne die Zahl der Studienplätze weiter erhöhen, und zwar nicht nur im Medizinstudium – da ist ja die Zahl an der MHH kürzlich um 50 auf 320 Studierende pro Jahr erweitert worden –, sondern insbesondere auch in anderen Studiengängen wie Zahnmedizin, Data Science, Pflegewissenschaften und Critical Care. Der weitere Ausbau der Studienplätze wurde im Masterplan 2025 der MHH festgelegt. Das ist uns wichtig, dafür benötigen wir Mittel des Landes Niedersachsen und das betrachten wir als eine zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre.

Aktuell wird die Approbationsordnung überarbeitet. Was sollte Ihrer Meinung nach darin im Hinblick auf die Ausbildung der Ärzte geändert und ergänzt werden?

Professor Dr. Frank Lammert: Der Entwurf für die Approbationsordnung wird derzeit kontrovers diskutiert. Ich war in die Vorbereitungen über die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und die Erstellung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM) intensiv eingebunden. Nach meiner Überzeugung ist das Ziel dieser neuen Approbationsordnung richtig und wichtig, nämlich den Patientenbezug der Medizin als Handlungswissenschaft zu stärken. Deshalb werden in die Approbationsordnung neue Aspekte integriert. Ärztinnen und Ärzte müssen lernen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die konkrete Situation anzuwenden und zu handeln. Manchmal ist nur wenig Zeit, und es gilt, das Richtige im richtigen Moment zu tun. Das muss aus meiner Sicht während des Studiums stärker berücksichtigt werden. Dazu gehört auch, das richtige Maß zu finden und sich im Gespräch mit den Kranken oder bei einem Eingriff die nötige Zeit zu nehmen. Manchmal muss das mehr sein, als es das Vergütungssystem zulässt. Das ist die Kunst und gleichzeitig der Konflikt, der sich auch in der Approbationsordnung und der Diskussion darüber abbildet. Für mich ist die Kritik an dem Entwurf zur Approbationsordnung überzogen. Man fürchtet die Überregulierung der Prüfungen und des Studiums. Aber am Schluss werden wir das in den Fakultäten vernünftig umsetzen.

Befürchtet wird wohl eine Kostenexplosion für die Medizinstudienplätze und dass es am Ende nicht mehr, sondern weniger Studierende der Humanmedizin gibt ...

Professor Dr. Frank Lammert: Die Kalkulationen gehen von Mehrkosten aus. Auf der anderen Seite haben wir jetzt im Rahmen der COVID-19-Pandemie eine Digitalisierung der Lehre erlebt. Das hat zwar neue technische Voraussetzungen erfordert, weil die Lerninhalte teilweise aufgezeichnet oder live gesendet wurden. Dadurch besteht aber auch die Möglichkeit, mittelfristig Kosten zu senken. Wir haben zum Beispiel mit Virtual Reality in der Endoskopie und im OP gearbeitet. Diese Aufzeichnungen sind mehrfach in den Praktika einzusetzen. Meiner Meinung nach hängt die Qualität des Medizinstudiums nicht vorrangig davon ab, wieviel Euro am Ende eingesetzt werden, sondern von der Qualifikation der Mentoren und dem gemeinsamen Einsatz von Studierenden und Lehrenden.

Ein wichtiges Thema ist auch die Weiterbildung: Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Weiterbildung an der MHH?

Professor Dr. Frank Lammert:  Es wurde wirklich versucht, eine neue, bessere Weiterbildungsordnung zu schaffen, in der realistische Inhalte und Zahlen hinterlegt sind. Aber wie bei der Approbationsordnung stellt die Verordnung allein nur die Basis dar, und über die Qualität der Weiterbildung entscheidet die praktische Umsetzung. So hat die MHH schon 2014 unter meinem Vorgänger Andreas Tecklenburg ein Weißbuch der Weiterbildung erarbeitet und erste Fundamente gelegt. Für mich selbst war es immer wichtig, die Weiterbildung zu leben und Freiräume zu eröffnen, nicht nur Inhalte, sondern auch Kompetenzen zu vermitteln. An der Hochschule haben wir den Vorteil, dass wir die Assistenzärztinnen und -ärzte von Ausbildungsstufe zu Ausbildungsstufe über die Tätigkeit als Fach- oder Oberärztinnen und Oberärzte hin zu Führungskräften entwickeln können. Zusätzlich gibt es die Clinician Scientist-Programme, die letztlich der für die Hochschulen einmaligen Verbindung zwischen Klinik und Forschung Rechnung tragen.

Was sind Ihre Erwartungen an die Ärztekammer Niedersachsen und die politische Standesvertretung?

Professor Dr. Frank Lammert:  Die Ärztekammer sollte sich gemeinsam mit uns und mit den anderen Vertretern des Gesundheitswesens für die Verbesserung der Patientenversorgung einsetzen. Im Kern von Berufs- und Standespolitik steht die Patientenorientierung. Dieses Engagement wird erleichtert, wenn die Ärztekammer in ihrer Kammerversammlung einen repräsentativen Querschnitt der Ärzteschaft abbildet. Ich war selbst Kammervertreter im Saarland und dort sehr lange im Weiterbildungsausschuss aktiv. Die Ärztekammer sollte nicht die Interessen einzelner Gruppen, sondern letztlich möglichst aller Ärztinnen und Ärzte abbilden. Dann kann die Ärztekammer sicher zu einem Ausgleich zwischen Medizin und Ökonomie beitragen. Im Moment sehen wir auch, dass es wichtig ist, dass praktisch und klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte die Aufgabe haben, in so unsicheren Zeiten ihre Einschätzung zu vermitteln und Positionen zu beziehen – sei es in der Kammer oder in der Öffentlichkeit. Ich blicke aber trotz der schwierigen Zeiten optimistisch in die Zukunft und sehe die Krise als Chance für eine Verbesserung der Patientenversorgung an.

Wie ist die MHH nach Ihrer Einschätzung bisher durch die COVID-19-Pandemie gekommen?

Professor Dr. Frank Lammert:  Es ist eine besondere Leistung aller Mitarbeitenden, dass es unter den Bedingungen des vergangenen Jahres gelungen ist, die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Erkrankungen wie Tumorerkrankungen oder Organversagen bei uns aufrecht zu erhalten. Die Transplantationszahlen an der MHH waren unverändert hoch und sind nicht eingebrochen. Wir sind und bleiben das größte und leistungsstärkste Transplantationszentrum in Deutschland. Uns allen gemeinsam ist es in Deutschland gelungen, eine massive Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Für mich ist das eine besondere Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung an den Unikliniken, aber auch die Versorgung der Patientinnen und Patienten, die eine hochschulmedizinische Versorgung benötigen, konnte aufrecht erhalten werden.

Wie groß waren die Einschnitte in der ersten Phase der Pandemie für Patientinnen und Patienten?

Professor Dr. Frank Lammert:  Es ist eine Tatsache, dass nicht alle Eingriffe zum ursprünglich geplanten Termin durchgeführt werden konnten, es mussten Eingriffe, wenn es medizinisch vertretbar war, verschoben werden. Aber der Begriff „elektiv“ ist irreführend, denn das sind alles indizierte Behandlungsmaßnahmen – allerdings mit unterschiedlicher Dringlichkeit. Also manche Eingriffe wurden maximal 24 Stunden, andere eine Woche und manche auch länger verschoben. Sehr belastend sind aber immer noch die Maßnahmen zum COVID-Infektionsschutz für Patientinnen und Patienten, Besucherinnen und Besucher sowie Mitarbeitende – hier freuen wir uns auf die positiven Effekte der jetzt endlich rasch voranschreitenden Impfungen. Wenn es gelungen ist, die unaufschiebbaren Operationen trotz Pandemie durchzuführen, ist das doch ein bemerkenswertes Ergebnis? Das sehen wir tatsächlich exemplarisch an den Transplantationen. Wenn diese Zahlen eingebrochen wären, hätten wir alle das Geschehen offensichtlich nicht gut gesteuert. Das gilt ebenso für die Eingriffe bei bösartigen Tumorerkrankungen. Die Zahlen sind an der MHH stabil. Das ist eine besondere Leistung, dass wir das als Gesellschaft gemeinsam hinbekommen haben – dass alle, die einer zeitnahen medizinischen Versorgung bedurften, diese auch erhielten.

Das Interview führte Inge Wünnenberg.

Lesen Sie das ganze Interview hier in der Mai-Ausgabe des nä

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